Jetzt rollt der Ball und keine Köpfe?

Gestern begann die Fußball-Weltmeisterschaft der Männer in Russland. Ich habe der Sbornaja die Daumen gedrückt. Das gehört sich beim Gastgeber so, finde ich. Außerdem ist der Trainer Stanislaw Tschertschessow ein cooler Typ und seit den Tagen als Torwart bei Dynamo Dresden Kult. Um seine gegenwärtige Aufgabe beneide ich ihn allerdings nicht. Bei den letzten 3 Turnieren, ob nun bei Europameister- oder Weltmeisterschaften, scheiterten die Russen bereits in der Vorrunde. Kanzlerkandidaten der SPD können das sicherlich nachempfinden. Den 5:0 Auftaktsieg habe ich bei bester Stimmung in der russischen Botschaft erlebt.

Große Turniere sind natürlich auch die beste Zeit für Expertinnen und Experten aller Art. Fußball ist daher durchaus vergleichbar mit manchen Feldern der Politik. Wenn es um Bildung geht etwa oder um Tourismus. Das hat jeder erlebt, da hat jeder Ahnung, dazu kann jeder etwas sagen. Die eigentlichen Fachleute hingegen hört man seltener. Es hat aber auch sein Gutes: Man kann seine Ansicht mit ordentlich Verve vortragen, mit Anekdoten und Zitaten protzen und endlich mal den Nichtexperten – das sind all diejenigen, die das nicht so sehen wie man selbst, logisch –  als ausgemachte Trottel abkanzeln. Da kommt Leben in die Bude. Ich begrüße das! Mein Büro hat dieses Fieber auch erfasst.

Mein Fahrer setzt auf Spanien. Er meint, nicht nur der Trainer-, sondern auch der Regierungswechsel zu Premier Pedro Sánchez in den letzten Tagen setzen ungeahnte Kräfte frei. Neuer Optimismus wird das Land wie auch das Team beflügeln. Als demokratischer Sozialist und Sportfan kann ich mich einer solchen Argumentation natürlich nicht entziehen. Meine Referentin hält es mit Argentinien. Wegen Messi. Bei Turnieren war er jedoch selten so gut wie im Verein. Aber: Messi geht argumentativ eigentlich immer. Mit Argentinien wird zu rechnen sein, sollten sie das schwere erste Gruppenspiel gegen die Isländer erfolgreich gestalten können. Mein wissenschaftlicher Mitarbeiter drückt den Engländern die Daumen. Aus eher grundsätzlichen Erwägungen. Er ist allerdings auch für einen leichten Hang zum Rumpelfußball bekannt. „Kratzen, beißen, kämpfen, vor die Pille und hinterher“. Ehrlicher Arbeiterfußball aus den goldenen Zeiten des Sports.Nur spielen die Engländer mittlerweile einen sehr ansehnlichen Fußball und haben viele talentierte Leute in ihren Reihen. Sie sind daher für eine echte Überraschung gut. Meine Büroleiterin hingegen sagt: Natürlich ist der aktuelle Weltmeister Deutschland Favorit auf den Titel. Damit hat sie unbestritten Recht. Das Team ist stark. Verwundert war ich jedoch über die letztliche Nichtnominierung von Leroy Sané und Nils Petersen. Beide hätten den Unterschied machen können und hatten sich die Teilnahme mit überragenden Leistungen in ihren Vereinen verdient. Ich traue Deutschland trotzdem eine starke Runde zu. Viel wird dabei vom Mecklenburger Jung’, der eiskalten Passmaschine Toni Kroos abhängen. Für mich ist er jetzt schon auf Augenhöhe mit den großen Legenden des Sports. Mein persönlicher Tipp neben der deutschen Mannschaft ist jedoch, und das zeigt, dass die anderen keine Ahnung haben: Frankreich. Eine hochspannende Mannschaft mit einem sehr guten Trainer und einer überragenden Offensive um Griezmann und Mbappé. Wenn Deschamps es schafft, die gute Leistung von der EM zu steigern und die Konflikte gering zu halten, werden sie um den Titel mitspielen. Es wird spannend. Ich freue mich auf diese WM.