In guter Tradition
Am nächsten Sonntag gehe ich wieder zu Rosa und Karl nach Berlin-Friedrichsfelde. Ich weiß nicht, zum wievielten Male. Der Termin hat bei mir einen festen Platz im Kalender, immer schon – vor und nach der politischen Wende des Jahres 89. Bis zu jenem Jahr 1989 war das nicht immer eine freiwillige Angelegenheit und viele hatten das Gefühl, wenn die Tribüne mit den „Repräsentanten der Partei- und Staatsführung“ passiert war, hatte sich der eigentliche Zweck erfüllt. In den Jahren danach sollte sich jedoch zeigen, dass Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht einen festen Platz in den Köpfen und Herzen vieler Menschen haben. So sind es nach wie vor Tausende, die jedes Jahr im Januar in die Gedenkstätte der Sozialisten kommen. Aus der ganzen Bundesrepublik. Das wird auch 2012 so sein.
Das stille Gedenken halte ich für eine sehr würdige und anrührende Ehrung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts. Es führt ganz augenscheinlich Linke unterschiedlicher Couleur zusammen. Ich freue mich alljährlich auf die Begegnung mit meinen Genossinnen und Genossen, treffe in Friedrichsfelde aber auch Mitglieder der SPD und der DKP oder Nachbarn, von denen ich weiß oder ahne, dass sie keiner Partei besonders nahe stehen. So ist es völlig normal, dass neben dem Meer der roten Nelken an den Gräbern von Luxemburg und Liebknecht stets auch Blumen bei anderen Linken – Kommunisten, Sozialdemokraten, Trotzkisten und anderen – niedergelegt werden, die hier ihre letzte Ruhestätte fanden. Um Pflege und Erhaltung der Gedenkstätte der Sozialisten kümmert sich seit Jahren ein rühriger parteiübergreifender Förderverein.
Die Ehrung von Rosa und Karl, oft bei klirrender Kälte, hat einen ganz eigenen Reiz. Wir gedenken der Toten und sehen das zugleich als gegenwärtige Mahnung gegen Krieg und Gewalt. Wir wünschen uns im Kreise Gleichgesinnter ein gesundes neues Jahr, bilanzieren und werfen den Blick voraus. Für viele gehören die roten Nelken ebenso selbstverständlich zu diesem Tag wie das Glas Glühwein mit den Mitstreitern oder der Bummel über den teils recht skurrilen Politmarkt auf dem Vorplatz.
Solche Traditionen, denke ich, braucht die Linke, braucht unsere Partei. Zugegebenermaßen bin ich kein besonderer Freund von Glückauf – Glückauf – Romantik oder dem Pathos revolutionärer Lieder, und doch bedauere ich es, dass auf unseren Veranstaltungen kaum noch gesungen wird, Künstlerisches manchmal nur Beilage ist und für das Stattfinden der Tanzabende auf Parteitagen schon keine Wetten mehr angenommen werden. Ein paar zarte Pflänzchen der Traditionspflege sollten wir deshalb behutsam päppeln. Das alljährliche „Fest der Linken“ in der Berliner Kulturbrauerei gehört dazu wie auch „Pfingsten mit der LINKEN“ am Werbellinsee. Während des „Festes der Linken“ gibt es stets auch ein Neumitgliedertreffen unserer Partei, zu dem Genossinnen und Genossen aus der ganzen Bundesrepublik anreisen. Der Einladung zum Gespräch bei diesen Treffen bin ich immer wieder gern gefolgt. Nicht wenige, die auf dem flachen Land mit ganz wenigen Gefährten oder ganz allein DIE LINKE repräsentieren, haben mir erzählt, dass das Erlebnis der Gemeinsamkeit mit Hunderten Gleichgesinnten ihnen nicht minder wichtig ist als die politischen Erkenntnisse dieser Treffen.
Aus tragischem aktuellem Anlass halte ich es für dringend erforderlich, die antifaschistischen Traditionen hoch zu halten. Unser damaliger Parteivorsitzender, Lothar Bisky, sprach sich im Sommer 2007 kurz nach Gründung unserer Partei nachdrücklich dafür aus, sich einer Neuaneignung vernünftiger antifaschistischer Traditionen zuzuwenden. Wörtlich sagte er: „Der Antifaschismus war einseitig in der DDR, das wird nicht ernsthaft bestritten. Aber ihn deswegen abzuschaffen, ist keine Lösung. Ich denke dabei an antifaschistische Kunst, ich denke an bedeutende Filme, bedeutende Musik und Literatur. Das kostet nichts, das ist hilfreich.“ DIE LINKE hat dazu aufgerufen, am 19. Februar in Dresden wieder gegen die Naziaufmärsche zu protestieren und Zivilcourage gegen Faschismus und Rassismus zu zeigen. Ein Termin mehr, der in den politischen Kalender 2012 gehört.